{"id":106,"date":"2012-06-06T10:48:05","date_gmt":"2012-06-06T08:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/?p=106"},"modified":"2013-09-03T17:30:50","modified_gmt":"2013-09-03T15:30:50","slug":"ein-250jahriger-torbogen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=106","title":{"rendered":"Ein 250j\u00e4hriger Torbogen"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<h2>Ein 250j\u00e4hriger Torbogen<\/h2>\n<p>Wer mit \u201coffenen\u201d Augen die Georgengasse \u2013 f\u00fcr die Ur-Speyerer der Schwanenbuckel- entlanggeht, erblickt auf der \u00f6stlichen Stra\u00dfenseite, gegen das evangelische Pfarrhaus zu, ein altersgraues Rundbogentor. Oben am Keilstein erkennt man bei genauerem Hinsehen einen stelzf\u00fc\u00dfigen Bettelmann mit einer umgeh\u00e4ngten Almosentasche. Er erinnert daran, dass hier in vergangenen Tagen der Eingang zum St.-Georgen-Hospital war. Wieviel Leid, wieviele Not mag das bucklige M\u00e4nnlein in den zweihundertf\u00fcnfzig Jahren, seitdem dieser Torbogen errichtet ist, gesehen haben?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/100_9193.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Torbogen\" alt=\"Torbogen\" src=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/100_9193-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Inventarisationsband der Speyerer Kunstdenkm\u00e4ler wird \u00fcber dieses Tor berichtet: \u201cRundbogentor, in einer f\u00fcr das Speyerer Rokoko bezeichnenden, schlichten Architektur. Am Keilstein Relief eines stelzf\u00fc\u00dfigen Bettelmannes. Sehr gute, mit Humor aufgefasste Arbeit von Vinzenz M\u00f6hring, um 1760 bis 70\u2033.<br \/>\nWenn man sich die M\u00fche macht und in den Rechnungsb\u00fcchern des ehemaligen St.-Georgen-Hospitals \u2013 sie werden heute im Stadtarchiv verwahrt \u2013 nachsucht, findet man im Rechnungsbuch f\u00fcr das Jahr 1764 folgenden Eintrag: \u201cAusgabe f\u00fcr Baumaterialien \u2013 13. August 1764 dem Steinhauer Matthes Dojieu vor (f\u00fcr) einen steinernen Torbogen ad (zu) 13<sup>1<\/sup>\/<sub>2<\/sub> (Gulden), eodem (dazu) dem Bildhauer M\u00f6ring vor Bearbeitung des Schlusssteines, hieran laut Zettel (Quittung) zahlt (bezahlt) 2 fl 45 xr (Kreuzer)\u201d und im Amtsprotokoll des St.-Georgen-Hospitals vom 18. Juli 1763: \u201cMit dem Steinhauer Matthes Doyen von St. Martin einen Torbogen zum Spital akkordiert, welcher im Lichten sein soll 11<sup>1<\/sup>\/<sub>2<\/sub> Schuh (3,31 m), hoch 12 Schuh (3,45 m), von quadratischer Arbeit mit Schaft, Capitalen und Radkugeln in loco St. Martin abzuholen um 13 fl 30 xr\u201d.<br \/>\nM\u00f6hring erhielt also f\u00fcr seine kunstvolle Arbeit 2 Gulden 45 Kreuzer, f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse eine mehr als bescheidene Summe (Ein moderner Bildhauer w\u00fcrde dieses Honorar mit Entr\u00fcstung zur\u00fcckweisen. M\u00f6hring h\u00e4tte sich damals f\u00fcr diesen Betrag etwa 20 Pfund Rindfleisch kaufen k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seitdem<a href=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/100_9196.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Keilstein\" alt=\"Keilstein\" src=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/100_9196-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a> sind 250 Jahre dahingegangen. Auch das stelzf\u00fc\u00dfige Bettelm\u00e4nnlein hat das zu sp\u00fcren bekommen. Wind und Wetter hatten ihm so zugesetzt, dass man es 1956 samt dem Keilstein aus dem Bogen herausnahm und ihm seitdem im Museum einen Unterschlupf gew\u00e4hrt. Da der Torbogen seinen urspr\u00fcnglichen Reiz nicht verlieren sollte, wurde an Stelle des Originals eine Kopie, gefertigt von Bildhauer Rehberger, eingesetzt. Wer wei\u00df, ob das neue Bettelm\u00e4nnlein in 250 Jahren noch von seinem Bogen herunterschaut?<\/p>\n<p>\u00dcber den Bildhauer Vinzenz M\u00f6hring sei in einigen Zeilen berichtet. Geboren 1718 in Alsleben in Unterfranken, kam er im Sp\u00e4tjahr 1746 nach Speyer und \u00fcbernahm die Werkstatt des im Fr\u00fchjahr des gleichen Jahres verstorbenen Bildhauers Johann Georg Link. 1748 erhielt M\u00f6hring das B\u00fcrgerrecht der Reichsstadt Speyer und heiratete die Witwe des verstorbenen Link. Zwei seiner Stiefs\u00f6hne lernten und arbeiteten in seiner Werkstatt: Franz Konrad Link (1730 \u2013 1797), der sp\u00e4tere kurpf\u00e4lzische Hofbildhauer, und Peter Anton Link (1743 \u2013 1824), der nach dem Tode M\u00f6hrings die v\u00e4terliche Bildhauerwerkstatt \u00fcbernahm. 1753 geh\u00f6rte M\u00f6hring dem gro\u00dfen Zunftausschuss der Zimmerleutezunft an. 1777 verstarb er und wurde im St.-Johannes-Kirchhof an der Johannesgasse beigesetzt.<br \/>\nM\u00f6hring war ein gesuchter und t\u00fcchtiger Bildhauer. Viele seiner Arbeiten gingen verloren oder sind nicht mehr als seine Arbeiten bekannt. Erhalten blieben: in der Pfarrkirche zu Waldsee einige Figuren vom ehemaligen Hochaltar (1746\/47), in Speyer eine \u00fcberlebensgro\u00dfe Fortuna (1749) vom ehemaligen Neuen Kaufhaus (heute Stadtbauamt), aufgestellt in der Eingangshalle des Museums, an der Pfarrkirche zu Kirrweiler ein Wappenstein des F\u00fcrstbischofs Franz Christoph, Freiherr von Hutten (1749), an der Au\u00dfenseite der Sakristei an der Pfarrkirche zu Venningen ein Wappenstein des Bistums (1750), in der Pfarrkirche zu Hambach ein pr\u00e4chtiger Hochaltar (1753), in der Pfarrkirche St. Jakobus zu Schifferstadt eine Taufe Christi (1763) und wieder in Speyer an der S\u00fcdseite des Domes das Grabdenkmal des Bischofs Gerhard von Ehrenberg (1776).<br \/>\nAu\u00dfer diesen Arbeiten gibt es \u2013 auch hier in Speyer \u2013 noch einige Werke, die man Vinzenz M\u00f6hring zurechnen kann. Ein urkundlicher Nachweis l\u00e4sst sich aber in diesen F\u00e4llen nicht mehr f\u00fchren.<br \/>\nIn diesem Zusammenhang sei auch an das Eingangstor zum ehemaligen Jesuitenkolleg in der Stuhlbrudergasse erinnert. Erst vor wenigen Jahren \u2013 im Oktober 1957 \u2013 fiel es der Stra\u00dfenverbreiterung zum Opfer. Jahrelang lagen die einzelnen Bogenteile im st\u00e4dtischen Baulager an der Hafenstra\u00dfe. Da \u00fcberraschte eine Zeitungsnotiz am 23. Dezember 1962, in der es hie\u00df, der Torbogen des ehemaligen Jesuitenkollegs sei nach Gr\u00fcnstadt gekommen und dort am gerade renovierten ehemaligen Kapuzinerkloster wiederverendet worden.<\/p>\n<p>Quelle: Beitr\u00e4ge zur Speyerer Stadtgeschichte Heft 1, Fritz Klotz, Stadtgeschichtliche Miszellen<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein 250j\u00e4hriger Torbogen Wer mit \u201coffenen\u201d Augen die Georgengasse \u2013 f\u00fcr die Ur-Speyerer der Schwanenbuckel- entlanggeht, erblickt auf der \u00f6stlichen Stra\u00dfenseite, gegen das evangelische Pfarrhaus zu, ein altersgraues Rundbogentor. Oben am Keilstein erkennt man bei genauerem Hinsehen einen stelzf\u00fc\u00dfigen Bettelmann mit einer umgeh\u00e4ngten Almosentasche. 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