{"id":1125,"date":"2014-01-20T11:48:09","date_gmt":"2014-01-20T09:48:09","guid":{"rendered":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=1125"},"modified":"2014-01-25T21:10:18","modified_gmt":"2014-01-25T19:10:18","slug":"abgerissener-weidenberg-lebt-weiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=1125","title":{"rendered":"Abgerissener &#8222;Weidenberg&#8220; lebt weiter"},"content":{"rendered":"<p><b>Bis 1972 grenzte ein Traditionsgasthaus an den St. Guido-Stifts-Platz<\/b><\/p>\n<p>Unbenommen des von den Zeitl\u00e4ufen arg mitgenommenen Zustands:\u00a0 Zu den pr\u00e4genden Geb\u00e4uden des St. Guido-Stift-Platzes geh\u00f6rte bis 1969 das &#8222;Gasthaus zum Weidenberg&#8220;. Sein Abriss machte viele Speyerer und Dorfbewohner aus der Umgebung fassungslos und auch traurig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/652-guidostiftsplatz-1971-file0091.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-1129\" alt=\"652-guidostiftsplatz-1971-file0091\" src=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/652-guidostiftsplatz-1971-file0091-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more-->Nach langen Diskussionen hatte der Stadtrat im November jenen Jahres beschlossen: Der 260 Jahre alte &#8222;Kasten&#8220;, von der Bausubstanz her nicht allzu wertvoll, muss weg. Elisabeth Jester und ihre Tochter, die weithin bekannte, heute 87-j\u00e4hrige &#8222;Liesl&#8220; als Alleinbesitzerin, konnten die Sanierungskosten nicht tragen.<\/p>\n<p>Der Abriss der Traditionswirtschaft begann am 7. Februar 1972. Der neue Besitzer, das Di\u00f6zesan-Siedlungswerk, lie\u00df einen Zweckneubau mit R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr ein Bankinstitut, Praxen und Wohnungen errichten.<\/p>\n<p>Nach einer Chronik von 1714 stand das fast 40 Meter breite, zweist\u00f6ckige Geb\u00e4ude mit gro\u00dfem Speicher bereits zu jener Zeit. Es war eines von vermutlich sieben des Stifts St. Guido auf dem Weidenberg und hatte offenbar den Stadtbrand 1689 mehr oder minder unbeschadet \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Ein Kanonikus (Geistlicher, Chorherr) namens Vomelius wird als erster Hausherr erw\u00e4hnt, 1772 dessen Berufskollege Ursulinus. 1776 war es vorbei mit der kirchlichen Beschaulichkeit &#8211; franz\u00f6sische Revolutionstruppen zogen in Speyer ein. Bei Kampfhandlungen kriegte auch das Kanonikus-Haus einiges ab.<\/p>\n<p>Es wurde offenbar von der Stiftsverwaltung wieder repariert und zum Kauf angeboten. Zun\u00e4chst vergeblich. Eine Versteigerung am 30. September 1807, bei Haus nebst Garten f\u00fcr 3840 Francs angeboten wurden, verlief ohne Verkaufsergebnis.<\/p>\n<p>1810 war es soweit. Der Mehlh\u00e4ndler Balthasar Grosius kaufte es. Und als die Stra\u00dfe in Richtung Worms 1812 begradigt wurde und sein gro\u00dfes Haus fast an deren Rand r\u00fcckte, erkannte Grosius die Zeichen der Zeit und er\u00f6ffnete eine Gastwirtschaft.<\/p>\n<p>Die florierte an der einzigen n\u00f6rdlichen Speyerer Eingangsstra\u00dfe offenbar auf Anhieb. Fuhrleute machten hier Station, Bauern vornehmlich aus Otterstadt und Waldsee kehrten an Markttagen und wenn sie Tabakladungen zu Zigarrenfabrikanten brachten, im &#8222;Weidenberg&#8220; ein. Bis zum Hausabriss hingen Ringe am Haus, an denen Zugpferde und -ochsen angebunden werden konnten.<\/p>\n<p>Mit der Zeit wurde der Gasthof auch eine beliebte Herberge f\u00fcr B\u00e4ckergesellen, die bis vor dem 2. Weltkrieg noch auf Wanderschaft gingen. Im &#8222;Weidenberg&#8220; lie\u00dfen sie sich an \u00f6rtliche B\u00e4ckereien vermitteln, ein\u00a0 B\u00e4ckermeister Weck (!) organisierte das. Zudem unterzogen sich d\u00f6rfliche Wehrpflichtige, die im blumengeschm\u00fcckten Fuhrwerk nach Speyer gerollt waren, hier gern einer weiteren &#8222;Tauglichkeitspr\u00fcfung&#8220;.<\/p>\n<p>1830 kaufe ein Landri oder Landry den\u00a0 Gasthof, ver\u00e4u\u00dferte ihn aber schon ein Jahr sp\u00e4ter wieder. Der B\u00e4cker und Wirt Jakob M\u00f6ser zahlte ihm gut 2000 Gulden daf\u00fcr. Nach dessen Tod ging der &#8222;Weidenberg&#8220; per Schenkung an die Witwe Anna Maria Hoffmann \u00fcber. Die lie\u00df 1869 eine Scheune anbauen, um mehr G\u00e4ste beherbergen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Besitzerin war ab dem 9. Mai 1880 die Tochter des vorherigen Eigent\u00fcmers M\u00f6ser, Magdalena Bregenzer. Sie, bzw. ihr Mann Jakob f\u00fchrten das Haus bis 1892 und verkauften es dann f\u00fcr 24.000 Mark an den M\u00fcller Konrad Manz. Der wiederum \u00fcberlie\u00df es am 12. April 1900 f\u00fcr 30.00 Mark dem Wirt und Dreschmaschinen-Besitzer Heinrich Detzner.<\/p>\n<p>Nach dem Ableben am 3. Juni 1943 ging der &#8222;Weidenberg&#8220; an seine Witwe Maria und danach an die T\u00f6chter Elisabeth Jester und Eugenie Schey. Als Eugenie ihren Erbteil verkaufte, wurde ihre Schwester Elisabeth am 2. Oktober 1951 Alleinerbin.<\/p>\n<p>Sie und ihre Tochter Liesel verhalfen dem &#8222;Gasthof zum Weidenberg&#8220; zu einer Art Kultstatus. Woran Liesl mit ihrer Eigenwilligkeit besonderen Anteil hatte. Unter anderem rechnete sie im Gastraum, von dessen Decke ein Pflug herabhing und stets das &#8222;L\u00e4mpl&#8220; eines Nachw\u00e4chters flackerte, statt nach Mark stets nach Pfennigen ab. Den Betrag hielt sie mit Kreide auf einer Schulschiefertafel fest, samt manchmal sich ergebendem &#8222;\u00dcbertrag&#8220; auf deren anderen Seite.<\/p>\n<p>Prunkst\u00fcck im &#8222;Weidenberg&#8220;, der sich in den 1968-ern auch des regen Besuchs von Anh\u00e4ngern der &#8222;Flower-Power&#8220;-Richtung erfreute, aber war das Orchestrion. 1902 gebaut, bot es 18 Musikst\u00fccke und &#8222;donnerte&#8220; nach dem Einwurf eines Zehn-Pfennig-St\u00fccks los. Die Wirtin erinnert sich: &#8222;Meistens mit &#8222;Alte Kameraden&#8220;.<\/p>\n<p>Nach dem Hausabriss zogen der Mordstrumm von bemaltem Musikschrank samt anderem Mobilar und der Wirtin Liesl Jester in den &#8222;neuen&#8220; Weidenberg in der St.-Guido-Stra\u00dfe um. Dort bestand der Gasthof weiter bis Ende 1995. Das einst 4000 Goldmark teure Orchestrion und die anderen M\u00f6bel \u00fcbergab die Besitzerin dem Museum f\u00fcr Musikinstrumente im Bruchsaler Schloss. Dort sind die Originale aus Speyer als &#8222;Historische Wirtschaft&#8220; zu besichtigen. Die kann sogar gemietet werden &#8211; der &#8222;Weidenberg&#8220; lebt demnach weiter. &#8211; <b>Wolfgang Kauer (aus der Reihe: Stadtgeschichte(n) in der RHEINPFALZ, 2013); Bild: Frau Cantzler<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis 1972 grenzte ein Traditionsgasthaus an den St. Guido-Stifts-Platz Unbenommen des von den Zeitl\u00e4ufen arg mitgenommenen Zustands:\u00a0 Zu den pr\u00e4genden Geb\u00e4uden des St. Guido-Stift-Platzes geh\u00f6rte bis 1969 das &#8222;Gasthaus zum Weidenberg&#8220;. 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