{"id":140,"date":"2012-06-13T20:28:17","date_gmt":"2012-06-13T18:28:17","guid":{"rendered":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/?p=140"},"modified":"2013-09-03T17:24:17","modified_gmt":"2013-09-03T15:24:17","slug":"einst-elendherberggarten-heute-ein-haus-fur-kinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=140","title":{"rendered":"Einst Elendherberggarten \u2013 heute \u201cEin Haus f\u00fcr Kinder\u201d"},"content":{"rendered":"<div>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Einst Elendherberggarten \u2013 heute \u201cEin Haus f\u00fcr Kinder\u201d<\/h2>\n<p>Wer den st\u00e4dtischen Kindergarten und die Kindertagesst\u00e4tte besuchen will, muss durch ein altes, wenig beachtetes Tor schreiten. Oben, zu beiden Seiten des Schlusssteines, sind die Zahlen 17 und 49 eingemei\u00dfelt. Sie ergeben das Erbauungsjahr des Torbogens: 1749. Damals n\u00e4mlich umgab das Elendhergerg-Almosen, eine mittelalterliche Stiftung, die sich der armen Wanderer und Pilger annahm, die oberen Teile seines ausgedehnten Gartens in der Vorstadt Altspeyer mit einer Mauer. Gegen den Nonnenbach zu brauchte man keine Mauer aufzurichten, denn dort war sumpfiges und oft \u00fcberschwemmtes Gel\u00e4nde.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/elendsherberge1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"elendsherberge1\" alt=\"Eingang\" src=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/elendsherberge1-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Rechnungsbuch des Elendherberg-Almosens vom Jahre 1749 berichtet vom \u201cAusgabegeld wegen Auff\u00fchrung einer Mauer zwischen den Nonnen zu St. Clara und der Cron (die \u201cKrone\u201d, das sp\u00e4tere \u201cGoldene Lamm\u201d, heute befindet sich dort ein D\u00f6nerladen), dann die Cron und Neum\u00fchl herunter\u201d. Der ben\u00f6tigte Kalk wurde von Altlu\u00dfheim herbeigeschafft. Die Speyerer Heinrich Daniel Treutlinger, Ludwig Leibrand und Friedrich Zechner lieferten die Backsteine. Der st\u00e4dtische Bauschaffner Georg Pallant lie\u00df 35 \u201cKarch\u201d (Wagen) Sand herbeifahren. Den Torbogen, so wie er heute noch erhalten ist, fertigte der Gimmeldinger Steinmetz Ludwig Schnitzer um 13 Gulden. Der Maurer Johann Eckard f\u00fchrte die Mauer und den Torbogen auf und erhielt 81 Gulden. Bauschaffner Pallant lie\u00df um 11 Gulden die Holzfl\u00fcgel des Tores anfertigen und Philipp Ludwig Wunder erhielt f\u00fcr das Tor zu beschlagen 33 Gulden. Der K\u00e4rcher (Fuhrunternehmer) Martin Rehm schaffte noch 12 Karch Sand und dann 2 Klafter Steine vom alten Gutleuthaus an die Baustelle. Er erhielt 5 Gulden. Ein weiterer K\u00e4rcher, Wolfgang Dietrich Gruber, bekam 7 Gulden f\u00fcr die Fahrten. Die Gesamtkosten betrugen 251 Gulden und 58 Kreuzer.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/elendsherberge2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"elendsherberge2\" alt=\"\" src=\"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/elendsherberge2-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bis zum Jahre 1782 blieb dieser Garten, \u201cElendherberggarten\u201d genannt, im Besitz des Elendherberg-Almosens. Im Juni dieses Jahres ging er in den Besitz des Domkapitels \u00fcber. Er sollte die allgemeine Begr\u00e4bnisst\u00e4tte der Speyerer Katholiken werden. Seit 1773 hatte sich n\u00e4mlich das Domkapitel um einen neuen Friedhof bem\u00fcht, denn die alten Kirchh\u00f6fe der Stadt waren teils \u00fcberf\u00fcllt, teils in einem wenig piet\u00e4tvollen Zustand, au\u00dferdem dr\u00e4ngte der Rat zur Aufgabe dieser mittelalterlichen Kirchh\u00f6fe. Die Lutheraner und Reformierten hatten ihre Friedh\u00f6fe bereits in der Vorstadt Alt-Speyer. Nach l\u00e4ngeren Verhandlungen erhielt dann im Juni 1782 das Domkapitel zwei Morgen des Elendherberggartens. Als Entsch\u00e4digung bekam das Elendherberg-Almosen 750 Gulden und den Kleinen Sakramentsgarten an der Seilerbahn (heute Zeppelinstra\u00dfe). Die damaligen Best\u00e4nder (P\u00e4chter) des Gartens durften noch ihren Krapp ernten. Inmitten des neuen Friedhofes wurde ein gro\u00dfes Kreuz aufgerichtet. Am 22. Juli 1783 erfolgte die Weihe des Gottesackers durch den damaligen Pfarrer der Kreuzpfarrei (Dompfarrei) Friedrich Joseph Schwarz. Der erste Speyerer, der darin beigesetzt wurde, der \u201cprimus in novo coemeterio\u201d, war der B\u00fcrger Bartholom\u00e4us Hetzer. Nachdem Speyer im Jahre 1816 Kreishauptstadt des neuen bayerischen Rheinkreises und zwei Jahre sp\u00e4ter wieder Bischofssitz geworden war, wuchs der katholische Bev\u00f6lkerungsanteil sehr rasch, so dass der 1817 bereits vergr\u00f6\u00dferte Friedhof schon 1827 so belegt und un\u00fcbersichtlich geworden war, dass man zwei Wege anlegen lie\u00df, um ihn in vier Abteilungen zu gliedern. Vorher mussten die Leichentr\u00e4ger mit ihrer Last \u00fcber Grabh\u00fcgel steigen, was allem Anschein nach nicht immer ohne Unfall abging. Beim Kreuzungspunkt der beiden Wege stand das bereits erw\u00e4hnte Kreuz. In seiner N\u00e4he wurden die Geistlichen beigesetzt, darunter auch der 1826 verstorbene Bischof Matthias von Chandelle.<\/p>\n<p>Seit 1835 bem\u00fchten sich die Katholiken um einen neuen Begr\u00e4bnisplatz, weil jede Ausdehnung des Friedhofgel\u00e4ndes unm\u00f6glich war. Die Stadt wies ihnen daf\u00fcr den \u00f6stlichen Teil des heutigen Alten Friedhofes zu. Dieser Platz geh\u00f6rte dem Spital und war als Weingarten angelegt. 1841 war der neuangelegte Friedhof zur Aufnahme der Verstorbenen bereit. Der letzte Tote, der im ehemaligen Elendherberggarten begraben wurde, war der am 12. November 1841 verstorbene Anton Roth. Im ganzen hatten etwa 3000 Katholiken in diesem Friedhof ihre letzte Ruhest\u00e4tte gefunden.<\/p>\n<p>Aus guten Gr\u00fcnden ver\u00e4u\u00dferte der Domfabrikrat (Kirchenrat) den nun geschlossenen Friedhof nicht. Man hatte noch zu gut die piet\u00e4tlose Auflassung des reformierten Friedhofes in Erinnerung. Es war gut so, denn schon f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter verfielen die Speyerer B\u00e4cker und Brauer auf den wenig taktvollen Einfall, ausgerechnet dort ihren Holzstapelplatz zu errichten, was nat\u00fcrlich abgelehnt wurde. In den ersten Jahrzehnten blieben auch die Grabsteine erhalten. Das gro\u00dfe Kreuz war dagegen schon 1841 in den neuen Friedhof, den heutigen Alten Friedhof, \u00fcbertragen worden. (Heute steht es an der Nordmauer des Kapitels-Friedhofes von St-Bernhard.) 1863 wurde der ehemalige Friedhof eingeebnet und die noch vorhandenen Grabsteine an den Mauern aufgestellt. Nach und nach verschwanden sie. Ein in der N\u00e4he wohnender Steinmetz soll sie zu neuen Grabsteinen umgearbeitet haben.<\/p>\n<p>Bis zum Jahre 1953 verblieb der ehemalige Elendherberggarten und einstige katholische Friedhof als G\u00e4rtnereigel\u00e4nde im Besitz der Dompfarrei. Dann kam er auf dem Tauschwege in den Besitz der Stadt, die im Sommer 1954 (1. Spatenstich am 13. Juli) mit dem Bau eines Kindergartens begann, der am 6. April 1955 seiner Bestimmung \u00fcbergeben wurde. Seitdem ziehen frohe Kinder durch das alte Eingangstor des ehemaligen Elendherberggartens, unbek\u00fcmmert um die Vergangenheit ihres Spielplatzes. Im Sp\u00e4tsommer 1964 wurde mit dem Bau einer eigenen Kindertagesst\u00e4tte begonnen (1. Spatenstich am 22. September 1964). Sie \u00f6ffnete am 21. Januar 1966 ihre Pforte.<\/p>\n<p>Quelle: Beitr\u00e4ge zur Speyerer Stadtgeschichte Heft 1, Fritz Klotz, Stadtgeschichtliche Miszellen<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst Elendherberggarten \u2013 heute \u201cEin Haus f\u00fcr Kinder\u201d Wer den st\u00e4dtischen Kindergarten und die Kindertagesst\u00e4tte besuchen will, muss durch ein altes, wenig beachtetes Tor schreiten. Oben, zu beiden Seiten des Schlusssteines, sind die Zahlen 17 und 49 eingemei\u00dfelt. Sie ergeben das Erbauungsjahr des Torbogens: 1749. 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