{"id":93,"date":"2012-06-05T12:00:07","date_gmt":"2012-06-05T10:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/html\/?p=93"},"modified":"2013-09-26T20:03:18","modified_gmt":"2013-09-26T18:03:18","slug":"herbstexkursion-29-09-1968-auf-den-spuren-des-romischen-odenwaldlimes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=93","title":{"rendered":"Herbstexkursion (29.09.1968) Auf den Spuren des r\u00f6mischen Odenwaldlimes"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<p>Verfasser: Dr. Karl Rudolf M\u00fcller<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei fr\u00fcheren historischen Exkursionen der Speyerer Volkshochschule Selbstverst\u00e4ndliches war in diesem Herbst eine Meisterleistung: Aus vielen verregneten Sonntagen den einen, strahlenden herauszufischen, der notwendig war, Roms Spuren im dunklen Odenwald recht zu beleuchten. Wie Oberkonservator Dr. Otto Roller als Exkursionsleiter die himmlischen Requisiteure f\u00fcr sein reichhaltiges Programm gewonnen hatte, behielt er schmunzelnd f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Frohgestimmt also lie\u00df sich die bildungsbeflissene Schar in (auch diesmal wieder) vollbesetztem Omnibus zun\u00e4chst nach Reichenbach bei Bensheim entf\u00fchren, wo das &#8222;Felsenmeer&#8220; zu einer Bergwanderung einlud.<\/p>\n<p>Wie rieselnder Sand geht dort ein m\u00e4chtiger Granitblockstrom zu Tal. Unten liegen die kleinen, auf der Kuppe (500 m) die gro\u00dfen Bl\u00f6cke. Oben wird man durch den einzigen r\u00f6mischen Granitsteinbruch Europas \u00fcberrascht. Mehr als 300 Objekte weisen gesicherte R\u00f6merspuren auf. Gar bald war der Blick dank kundiger Anleitung gesch\u00e4rft, solche Spuren dutzendweise zu entdecken: Mit Mei\u00dfel, Keil und S\u00e4ge waren die Quader und Balken abgesprengt. Sprachlos steht man vor einer Riesens\u00e4ule von 11 m L\u00e4nge und 1,1 m Durchmesser. F\u00fcr welchen Staatsbau sie vorgesehen war? Man tippt mit guten Gr\u00fcnden auf das kaiserliche Trier. Dass die Steingewinnung sich auch heute nicht wesentlich von den r\u00f6mischen Methoden unterscheidet, konnte man nebenan im modernen Steinbruch studieren. Lediglich das Zeit- und das Transportproblem sind erheblich vereinfacht. Umso mehr staunt man, wie solche Kolosse damals unbesch\u00e4digt zum Lastflo\u00df und zum Rhein gebracht werden konnten.<\/p>\n<p>Im lieblichen Erbach st\u00e4rkte man sich nach den Strapazen des Vormittags, just als die dortige J\u00e4gerschaft ein Jagdhornst\u00fcndchen blies. War ein besserer Hautgout denkbar f\u00fcr den Hirsch, der da so manchen Teller zierte? Der Englische Garten in Eulbach war das n\u00e4chste Ziel. Graf Franz von Erbach lie\u00df ihn 1802 bei seinem Jagdschl\u00f6sschen durch Friedrich von Sckell, den ber\u00fchmten Gartenarchitekten (Schwetzingen, M\u00fcnchen) anlegen. Doch nicht der Baumexoten, noch nicht einmal der 4 leibhaftigen Wisente, sondern r\u00f6mischer Ruinen wegen war man gekommen. Der Graf, gro\u00dfer Kunstm\u00e4zen und Romantiker, grub im nahen W\u00fcrzberg ein Kastell aus und lie\u00df dessen eines Tor mit aller Sorgfalt hier wieder aufbauen, desgleichen den steinernen Unterbau eines r\u00f6mischen Wachturms. Sp\u00e4ter erst wurde er gewahr, dass sich keine 200 m neben seinem Park ein Limeskastell im Boden verbarg. Bald diente also auch ein Original-Eulbacher Kastelltor, komplett mit Sockel, Schr\u00e4gmauer, Gesims und Zinnen der Parkkunst als romantische Staffage.<\/p>\n<p>Doch es ist wie in einem Museum: Mag zwar das Schaust\u00fcck bequem zu besichtigen und von erlesener Qualit\u00e4t sein, so fehlt ihm dort aber die Einbettung in seinen menschlichen oder landschaftlichen Rahmen. Bei Eulbach geht es noch an, wo wenigstens das eine Kastelltor keine k\u00fcnstliche Lage hat. Den Kontrast zu dieser Luxusfassung bot die ausgedehnte Ruine eines gro\u00dfen Kohortenkastells am Hochufer des Mains zwischen Miltenberg und Kleinheubach. Auf den Mauern seines Pr\u00e4toriums fand man sogar die Fundamente einer fr\u00fchchristlichen Kirche. Die mainseitige Mauer, \u00fcbermannshoch und leidlich erhalten, ist Grenze eines Geh\u00f6fts und dient als Schutthalde. Schutzlos ist sie privatem Unverst\u00e4ndnis preisgegeben. Den Besucher umwehte in dieser makabren Umgebung alles andere als der Genius loci.<\/p>\n<p>Anders bei jenem felsigen Berghang mit dem begehrten Mainsandstein 2 km westlich davon. Er fiele nicht weiter auf, l\u00e4gen da nicht im Waldesdunkel die 8 r\u00e4tselhaften &#8222;Heunes\u00e4ulen&#8220;. Das sind riesige, selbstverst\u00e4ndlich von den H\u00fcnen gefertigte, monolithische S\u00e4ulen, vorz\u00fcglich behauen. Sie haben Transportnasen, gleichen Durchmesser und fast 8 m L\u00e4nge. Die Wissenschaft bringt sie (ehedem waren es mindestens 14) neuerdings mit dem fr\u00fchsalischen Umbau des Mainzer Domes zusammen, bei dem sowieso nachweislich viele Steine aus diesem Steinbruch verwendet worden sind: Bei dem verheerenden Brand der fr\u00fchromanischen Basilika (1009) waren deren hochbelastete S\u00e4ulen geborsten, weswegen &#8211; wie \u00fcbrigens auch auf der Limburg &#8211; der ganze Obergaden zusammenfiel und der Wiederaufbau zu sehr verz\u00f6gerte. Neue S\u00e4ulen wurden in Miltenberg angefertigt. Weil schlie\u00dflich aber die Planung auf eine Pfeilerbasilika umgestellt wurde, blieben sie liegen. Einige fielen sp\u00e4ter der Gewinnung von M\u00fchlsteinen zum Opfer, die man dort an Ort und Stelle in bequemer Salamitechnik abs\u00e4gte.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt f\u00fchrte nun wieder zum Odenwaldlimes, jenem Grenzzug, der im 2.Jahrhundert W\u00f6rth am Main mit Bad Wimpfen am Neckar verband. Dieser \u00e4ltere Limes war zwar nur 50 Jahre besetzt, seine Kastelle und Wacht\u00fcrme, die in etwa 500 m aufeinander folgten, waren aber in auffallend sorgf\u00e4ltiger Steinmetztechnik errichtet. Die Verbindung der St\u00fctzpunkte bestand indes nicht, wie beim J\u00fcngeren, weiter \u00f6stlich angelegten Rhein-Main-Donau-Limes aus Palisadenwall und Graben, sondern lediglich aus einem Rennweg und sp\u00e4ter davorgelegter Palisade. Typisch waren Wacht\u00fcrme, wie das Eulbacher Muster, ferner gro\u00dfe, 4-torige Kohortenkastelle (2,1 ha), wie das Miltenberger, das freilich dem J\u00fcngeren Limes zugeh\u00f6rte. Bei Oberscheidenthal wurde der J\u00fcngere Limes &#8211; nach Eulenbach &#8211; wieder erreicht. Das dortige Kohortenkastell verriet sich schon durch sein B\u00f6schungsgeviert und die zahllosen Tonscherben in den \u00c4ckern, wenn nicht obendrein eine respektable Torruine mitten im Feld zutage l\u00e4ge. Wegen der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Gr\u00f6\u00dfe vermutet die Arch\u00e4ologie hier, genau in der Mitte zwischen Main und Neckar, die Kommandantur des ganzen Abschnitts, was eine l\u00e4ngst geplante Gro\u00dfgrabung hoffentlich bald kl\u00e4ren wird.<\/p>\n<p>Der gew\u00f6hnliche Kastelltyp des Limes war indes das Numeruskastell (Numerus = Hilfstruppeneinheit), 3-torig mit nur etwa 0,6 ha Fl\u00e4che. Als Beispiele hatte man Eulbach und W\u00dfrzberg in ihren Toren erlebt und sah sp\u00e4ter noch eine Toranlage am Rand der B 27 bei Neckarburken. Vorher traf man bei Robern einen 4. Typ von Festungsbauwerk, Zwischenst\u00fcck zwischen Wachturm und Numeruskastell. Die kleine, sehr solide und werksgerecht gemauerte Anlage erinnert an einen Burgus. Sie hat nur 2 Tore und etwa 20 m Seitenl\u00e4nge (0,04 ha). Sogar die Zinnensteine liegen noch da im sch\u00fctzenden Wald.<\/p>\n<p>Diese Limesfahrt vom Main zum Neckar lie\u00df jene abendliche Zeit des Imperiums erahnen, die dem Hinterland immerhin die &#8222;pax Romana&#8220; bescherte, Frieden \u00fcber viele Generationen hinweg, uns Heutigen ein skeptisch ersehntes Ziel. Den himmlischen Kulissenwechsel gegen Abend von herrlichem Blau zu tr\u00fcbem Nieselregen fassten die Teilnehmer als gekonntes Arrangement auf. Sie dankten Dr. Roller f\u00fcr die eindrucksvolle F\u00fchrung, der VHS in Gestalt ihres Leiters, Prof. Dr. Carl Schneider, f\u00fcr die Initiative und nicht zuletzt Frau Strege, dass sie mit einem Anruf so manchen erst herbei komplimentiert hatte aus seiner Welt dr\u00e4ngender Termine.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verfasser: Dr. Karl Rudolf M\u00fcller &nbsp; Bei fr\u00fcheren historischen Exkursionen der Speyerer Volkshochschule Selbstverst\u00e4ndliches war in diesem Herbst eine Meisterleistung: Aus vielen verregneten Sonntagen den einen, strahlenden herauszufischen, der notwendig war, Roms Spuren im dunklen Odenwald recht zu beleuchten. 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