{"id":972,"date":"2013-11-11T20:46:35","date_gmt":"2013-11-11T18:46:35","guid":{"rendered":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=972"},"modified":"2013-11-11T20:46:35","modified_gmt":"2013-11-11T18:46:35","slug":"die-schwimmschule-niemand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/?p=972","title":{"rendered":"Die Schwimmschule Niemand"},"content":{"rendered":"<p>Erinnerungen von Gertrud Kellermann, geschrieben im Jahre 1975:<\/p>\n<p>Der h\u00f6chste Genuss f\u00fcr uns Speyerer Kinder war es fr\u00fcher, im Rhein zu baden. Am Leinpfad lag die &#8222;Schwimmschule der Geschwister Niemand&#8220;, wie es \u00fcber dem Eingang stand. Ein Fr\u00e4ulein Niemand f\u00fchrte die Damenabteilung und ihre zwei Br\u00fcder leiteten die f\u00fcr die Herren. Beide Schwimmanstalten hingen zusammen, konnten aber nicht von innen gegenseitig betreten werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/img.geocaching.com\/cache\/d179f1bc-b726-43f7-b01a-7d80f7e254ab.jpg\" width=\"687\" height=\"497\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Damals sagte man nicht: &#8222;Wir gehen baden&#8220;, sondern: &#8222;Wir gehn zu&#8217;s Niemande&#8220;, oder: &#8222;Wir gehn in die Schwimmschul&#8220;, selbst wenn man l\u00e4ngst schon frei war. Und eine regelrechte Schwimmschule musste man absolvieren, wenn man diesen\u00a0Sport erlernen wollte.<\/p>\n<p>Ziemlich abgeschlossen f\u00fchlte man sich in der Damenabteilung. Ringsherum Holzw\u00e4nde &#8211; ohne Zugang und Sicht zum freien Rhein. Nur oben offen. Von vorbeifahrenden Schiffen konnte man allenfalls die Enden der Masten erblicken.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/img.geocaching.com\/cache\/dc9b5700-bdc6-4f35-a4a6-31ce1b8d0729.jpg\" width=\"791\" height=\"537\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>\u00dcber sechzig Jahre ist es nun her, dass ich zum ersten Mal hierherkam. Eine Tante nahm mich als kleines M\u00e4dchen mit. Was es da alles f\u00fcr mich zu gucken gab! In meinen Kinderaugen waren die Besucherinnen allesamt alte Damen, die in ihrem mit Volants und R\u00f6ckchen besetzten langen Badedress dem Schwimmsport huldigten. An dieser Bekleidung waren \u00c4rmelchen angebracht, und einige Anz\u00fcge zierte ein Matrosenkragen und ein gestickter Anker auf der Brust.<\/p>\n<p>Die Tante steckte mich in eine Hemdhose und f\u00fchrte mich dann auf ihrem Arm langsam in das K\u00fchle Nass ein. Prickelnder Moment das! Zuerst japste man wohl etwas und k\u00e4mpfte gegen das Schreien-Wollen. Und dann war es doch nicht so \u00fcbel, durch das Becken getragen und der Abk\u00fchlung teilhaftig zu werden.<\/p>\n<p>Das Fr\u00e4ulein Niemand, eine zu der Zeit gerade nicht mehr junge Person, trug eine Leinenbluse und einen weiten Wollrock bis zu den Knien hinunter. Auf dem Kopf hatte sie einen breitrandigen, verblichenen Strohhut. Auch ihr Gesicht machte einen ziemlich verwitterten Eindruck, wie es \u00fcberhaupt reichlich vermessen gewesen w\u00e4re, sie als verf\u00fchrerische Badenixe zu bezeichnen. Und dieses Aussehen besa\u00df sie all&#8216; die Jahre hindurch, in denen wir da unten bei ihr schwammen.<\/p>\n<p>Als ich dann schwimmen lernen durfte, begann f\u00fcr mich die eigentliche &#8222;Schwimmschule&#8220;, bestehend aus sieben Stufen. Dabei war das Fr\u00e4ulein Niemand schon ein Jemand, eine gestrenge Lehrmeisterin, die einem nichts durchgehen lie\u00df.<\/p>\n<p>Zuerst wurden die Armbewegungen im Trockenen ge\u00fcbt. Dabei z\u00e4hlte sie mit ihrem sonoren Organ immer: &#8222;Oins-zwei, oins-zwei&#8220;. Das Oins wurde entsprechend dem langsamen Zerteilen des Wassers recht gedehnt ausgesprochen, wogegen das Zwei wie aus der Pistole geschossen kam, um schnell dann in den entstandenen Sog einzudringen. &#8222;Oi&#8230;.ns-zwei, oins&#8230;.-zwei&#8220;, immerzu war sie am z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Klappte diese Bewegung einwandfrei, so ging es an die Angel. Deren Route lag in einem Metallgriff am Gel\u00e4nder des kleinen Bassins und wurde am Ende von Fr\u00e4ulein Niemand gehalten. Die Schwimmsch\u00fclerin, mit einem Schwimmg\u00fcrtel an der Angelschnur gebunden, musste jetzt im Wasser liegend diese Arm\u00fcbungen demonstrieren. Erschreckend der erste Augenblick, wenn man sich von der Treppe loslassen musste! Das wackelte zuerst hin und her und es geschah\u00a0auch, dass man Wasser schluckte. Hierin zeigte unsere Schwimmlehrerin oft gro\u00dfe Geduld, bis man sich gefangen hatte, und sie wieder beginnen konnte mit ihrem Z\u00e4hlkommando: &#8222;Oi&#8230;.ns-zwei, oi&#8230;.ns-zwei!&#8220;<\/p>\n<p>Wurden nach Tagen die Armbewegungen ordentlich gemacht, kamen die Beine daran. Zuerst musste man wieder nach Fr\u00e4ulein Niemands Vorbild au\u00dferhalb des Wassers \u00fcben und dann in demselben, anf\u00e4nglich sich an der Treppenstufe haltend und schlie\u00dflich im n\u00e4chsten Gang &#8211; o Graus! &#8211; mit verschr\u00e4nkten Armen an der Angel baumelnd. Es bedeutete das die schlimmste \u00dcbung und jedes freute sich, wenn es diese gl\u00fccklich hinter sich gebracht hatte. Arm-\u00a0und Bein\u00fcbungen zusammen gingen dann wieder leichter.<\/p>\n<p>Fanden\u00a0diese schlie\u00dflich vor unserer Lehrmeisterin kritischem Auge Wohlgefallen, so kam man &#8211; welch ein Fortschritt! &#8211; schon ins &#8222;Gro\u00dfe&#8220; (gro\u00dfe Bassin) ans &#8222;R\u00e4del&#8220;. Was f\u00fcr ein Ereignis!\u00a0Die ganze Verwandt- und Bekanntschaft musste\u00a0es wissen.<\/p>\n<p>Auf einem etwa zwei Meter \u00fcber dem Wasser gespannten Drahtseil lief, meist reichlich quietschend, ein R\u00e4dchen, von dem eine Metallstange hinunterf\u00fchrte. An deren Ende und gleichzeitig an ein Seil, das Fr\u00e4ulein Niemand festhielt, wurde man mit einem Schwimmg\u00fcrtel festgebunden. Von der Str\u00f6mung des Wassers und den Eigenbewegungen vorw\u00e4rtsgetrieben, schwamm man dahin, ohne untergehen zu k\u00f6nnen. Fr\u00e4ulein Niemand marschierte mit dem Seil in der Hand auf dem Gehsteig nebenher, immer wieder z\u00e4hlend.<\/p>\n<p>Und wie f\u00fchlte man sich erst, wenn man diesen Quietschapparat endlich los war und nur noch mit Schwimmg\u00fcrtel und Strick durch die Fluten segelte! Fr\u00e4ulein Niemand hatte jetzt nur zu tun, um mitzukommen. Ihre R\u00f6cke flogen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/img.geocaching.com\/cache\/2c789e2f-fafc-414a-a0bc-1105af68424f.jpg\" width=\"755\" height=\"503\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Sa\u00df dann diese Stufe, so fiel auch der G\u00fcrtel fort. Nie aber lie\u00df sich unsere Schwimmlehrerin durch Bitten und Betteln in ihren entscheidungen beeinflussen. Sie war eine gr\u00fcndliche und gerechte Schwimmschulmeisterin.<\/p>\n<p>Aber schlie\u00dflich kam er dann doch, der langersehnte Augenblick, dass eines Tages nach gemeinsamem Training Fr\u00e4ulein Niemand sagte: &#8220; So, nun probier&#8217;s mal ohne Strick, ganz allein!&#8220; War es m\u00f6glich? Eigentlich hatte man es f\u00fcr heute noch nicht erwartet. Zuerst mag es noch etwas \u00e4ngstlich und unsicher gegangen sein. Fr\u00e4ulein Niemand wachte jedoch auch in der n\u00e4chsten Zeit auf einen, selbst wenn man nun &#8222;frei&#8220; war. Kr\u00f6nung allen Lernens jetzt! Wie erhaben man sich f\u00fchlte gegen die Noch-nicht-Freien!<\/p>\n<p>Heute mag diese Lehrmethode l\u00e4cherlich erscheinen. Wir kannten es aber nicht anders und f\u00fchlten uns zufrieden. Und wir haben das Schwimmen gut hier gelernt. Wo auch immer Fr\u00e4ulein Niemands Sch\u00fclerinnen schwimmen und schwammen, in Hallenb\u00e4dern, Seen Fl\u00fcssen und Ozeanen, \u00fcberall k\u00f6nnen und konnten sie ihrer Lehrerin nur Ehre einlegen.<\/p>\n<p>Sie selbst haben wir w\u00e4hrend der vielen Jahre, in denen wir bei ihr ein- und ausgingen, nie auch nur mit den F\u00fc\u00dfen im Wasser gesehen. Und es w\u00e4re uns auch niemals in den Sinn gekommen, sie uns im Badekost\u00fcm vorzustellen. Dabei stand sie im Rufe einer guten Schwimmerin. Fragen muss man sich freilich, wenn nun einmal etwas passiert w\u00e4re? Aber es ist eben nie so weit gekommen, weil Fr\u00e4ulein Niemands Argusauge \u00fcberall wachte.<\/p>\n<p>Wurde sie gereizt, so konnte sie b\u00f6se werden. Ab und zu passierte es, dass an den vorderen Stufen des kleinen Bassins der Kopf eines Buben erschien. Geschickte Taucher konnten unter den Pontons, auf denen die ganze Schwimmschule ruhte, hindurchschwimmen. Wenn sie so etwas entdeckte, bekam sie einen roten Kopf, schimpfte sehr und verscheuchte die Eindringlinge. Aber auch die M\u00e4dels konnten ihr zusetzen, wenn sie ihr nicht gehorchen wollten und frech wurden. Da scheute sie keine M\u00fche und ging radikal gegen sie vor. Sehr auf Zucht und Ordnung war sie bedacht, der richtige Typ der damaligen Schulmeisterin. Und als Schwimmlehrerin, Aufsicht und Kassiererin in einer Person hatte sie es nicht leicht in der oft \u00fcberf\u00fcllten Anstalt. Musste sie schnell einmal zur Kasse, welche Ehre dann, wenn sie einen als fr\u00fchere Sch\u00fclerin an die Angel holte zum Halten. Noch betonter und gedehnter als sie selbst z\u00e4hlte man nun: &#8222;Oi&#8230;.ns-zwei, oi&#8230;.ns-zwei!&#8220;<\/p>\n<p>Von der Herrenschwimmschule wurden hie und da kleine Guckl\u00f6cher zu uns gebohrt, die dann aber immer bald wieder zugestopft waren. Die &#8222;Herren&#8220; konnten damals schon in den freien Rhein hinausschwimmen. F\u00fcr die Damen ziemte sich das nicht.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Damenanstalt lag die Damenklausur, einige Zellen f\u00fcr Solob\u00e4der. Hier konnte man sich nur dem Wohlgef\u00fchl des flie\u00dfenden, frischen Wassers hingeben.<\/p>\n<p>Obwohl unsere Schwimmschule f\u00fcr die damalige Zeit schon antiquiert war, hatte sie dennoch ihre Reize f\u00fcr uns. Wir lachten und scherzten hier reichlich, machten viel Unsinn und Krach, verspritzten und warfen uns gegenseitig ins Wasser, ganz wie das die heutige Jugend auch tut. Und von der starken Str\u00f6mung im &#8222;Gro\u00dfen&#8220; lie\u00dfen wir uns treiben und dann am Ende gegen die Stangen werfen. Welch ein Genuss war das! Und erst bei hohem Wellengang, wenn drau\u00dfen die Dampfer kamen!<\/p>\n<p>In den zwanziger Jahren wurde die Niemandsche Schwimmschule durch eine st\u00e4dtische Badeanstalt ersetzt, die moderner und sch\u00f6ner war und von deren Damenabteilung man auch ins Freie \u00fcbersteigen konnte.<\/p>\n<p>Denke ich nach so langer Zeit aber an unsere alte Schwimmschule zur\u00fcck, so sind es in der Hauptsache: das monotone Z\u00e4hlen der Fr\u00e4ulein Niemand, die herrliche Str\u00f6mung im gro\u00dfen Bassin und der w\u00fcrzige Geruch des noch unverpesteten Rheinwassers, die als Besonderheiten im Ged\u00e4chtnis haften blieben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/img.geocaching.com\/cache\/221f0300-d0dc-46ca-8b4a-57ec2352409f.jpg\" width=\"764\" height=\"537\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Quelle: Vierteljahresheft Speyer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungen von Gertrud Kellermann, geschrieben im Jahre 1975: Der h\u00f6chste Genuss f\u00fcr uns Speyerer Kinder war es fr\u00fcher, im Rhein zu baden. Am Leinpfad lag die &#8222;Schwimmschule der Geschwister Niemand&#8220;, wie es \u00fcber dem Eingang stand. Ein Fr\u00e4ulein Niemand f\u00fchrte die Damenabteilung und ihre zwei Br\u00fcder leiteten die f\u00fcr die Herren. Beide Schwimmanstalten hingen zusammen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[61,60,15],"class_list":["post-972","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stadtgeschichte","tag-rhein","tag-schwimmschule","tag-speyer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/972","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=972"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/972\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1005,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/972\/revisions\/1005"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/historischer-verein-speyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}