Speyer und der Erste Weltkrieg

Das Ende der Beschaulichkeit

Entsetzen und Empörung löste auch in Speyer die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo aus. Als am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung der Donaumonarchie an Serbien bekannt wurde und an Schaufenstern im Stadtinneren die neuesten Meldungen vom weiteren politischen Geschehen angeschlagen waren, folgte Ungewissheit. Wie sollte es weitergehen?

Die Beschaulichkeit in der kleinen Hauptstadt der bayerischen Rheinkreises Pfalz war endgültig dahin, als zwei Tage später die Mobilmachung Rußlands und Österreich-Ungarns bekannt wurde. Deutschland erklärte daraufhin dem Zarenreich am 1. August den Krieg, und nun warteten auch die Speyerer nervös auf eine Reaktion des Königshauses in München.

Die kam am 1. August vom Verkehrsministerium an der Isar: Auch das Deutsche Reich und damit Bayern machte mobil, der Kreishauptstadt am Rhein bekannt gegeben durch ein Telegramm an die Königliche Bayerische Telegraphenanstalt Speyer. Darin stand: “Mobilmachung befohlen, erster Mobilmachungstag der 2. August 1914. Dieser Befehl ist sofort ortsüblich bekannt zu machen”.

Das Telegramm nahm die Ungewissheit und Besorgnis der letzten Tage. Das Militär der Garnisonsstadt Speyer zeigte umgehend Flagge: Noch um 10 Uhr am Abend des 1. August marschierte die Kapelle des zweiten bayerischen Pionierbataillons mit klingendem Spiel durch Gilgen- und Maximilianstraße vor das Stadthaus. Beim ersten Halt vor der Oberpostdirektion sang eine große Menge voller Begeisterung und Hingabe das “Deutschlandlied” und “Die Wacht am Rhein”.

Als Deutschland am 3. August auch Frankreich den Krieg erklärte, löste das auch in Speyer patriotische Begeisterung aus. Wie überall im Deutschen Reich, zogen auch die bayerischen Pfälzer der Kreishauptstadt in einer Art Ausflugserwartung in den Krieg mit dem Nachbarland. Die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten.

Flugzeug-Boom

Wie anderswo in Deutschland, bekam die durch den Frankreich-Feldzug ausgelöste Euphorie auch in Speyer bald einen Dämpfer. Zwar wurden von der Westfront “rasche Fortschritte” gemeldet, doch in der Heimat beeinflussten die Kriegshandlungen das Wirtschaftsgeschehen immer nachhaltiger.

Weil neben den Gesellen zum Teil auch die Inhaber eingezogen wurden oder freiwillig der “vaterländischen Pflicht” nachkamen, schloss eine Reihe von Handwerksbetrieben und Geschäfte gerieten in Personalnot. Die Betreiber von Textilgeschäften gaben großformatige Zeitungsinserate auf, in denen sie ihr “Engros-Lager der für den Felddienst empfohlenen Hemden, Unterhosen, Schulterjacken, Socken, Taschentücher und Hosenträger” anzeigten.

Während der eine oder andere größere Betrieb mangels Arbeitskräften “vorübergehend” schließen musste, machte sich der Krieg bei der Speyerer Pfalz-Flugzeugwerke GmbH positiv bemerkbar – die Produktionsanforderung wuchs. “Für sofort” suche daher die Unternehmensleitung am 17. August 1914 in der “Speierer Zeitung” 40 Schlosser und 20 Schreiner.

Das war auch insofern bemerkenswert, weil die Firma der Brüder Alfred und Ernst Eversbusch, Willy Sabersky-Müssigbrodt und der Investoren Richard, Eugen und August Kuhn vor Kriegsausbruch gerade mal 25 Leute beschäftigt hatte. Der Krieg aber ließ das Unternehmen boomen.

Gegen Kriegsende hatten die Flugzeugwerke 2.600 Beschäftigte. Gefördert von der bayerischen Regierung, produzierten sie fleißig. Insgesamt wurden während des Krieges etwa 2 500 Flugzeuge der Typen Morane-Saulnier-Parasol und später Roland, Rumpler sowie die Jagdflugzeuge Pfalz E. I., D III und D XIII hergestellt.

Keinen Grund zur Klage hatten auch die Speyerer Brauereien. Zwar fehlten vielerorts in ihren Liefergebieten die durstigen Männer, dafür wurden immer mehr Soldaten in die Garnisonsstadt verlegt. Und die spülten, bevor sie an die Front transportiert wurden, gern mal kräftig ihre Kehlen.

Zum Nachlassen der anfänglichen Kriegseuphorie trug bei, dass es die Auswahl an Lebensmitteln geringer wurde. In der ersten Mai-Woche 1917 wurde den 22 700 Speyerern pro Kopf folgende Rationen zugeteilt: 1500 Gramm Brot, 170 g Mehl, 1250 g Kartoffeln, 187 g Zucker, 300 g Fleisch, jeweils 75 g Butter und Margarine, 100 g Grieß, 500 g Sauerkraut und 125 g Käse. Das war, auf sieben Tage verteilt, nicht eben üppig.

463 Tote

Der Krieg forderte seine Opfer schon bald. In den Tagen und Wochen nach der Kriegserklärung an Frankreich veröffentlichten die Speyerer Tageszeitung die ersten Todesanzeigen. Am 17. August verlautete in einer, dass der “Forstpraktikant und Leutnant der Reserve Eduard Reinhard beim todesmutigen Erstürmen einer Anhöhe den Heldentod starb”. Am 23. August dann “starb der Oberleutnant und Kompanieführer Ludwig Städtler zwischen Metz und den Vogesen für eine heilige Sache”.

Den Tod an der Front ereilte auch den ersten Berufsbürgermeister, den die Stadt Speyer am 23. Dezember 1911 dazu gewählt hatte. Der im Oktober 1914 eingezogene Dr. Ernst Hertrich, vor seiner Wahl Rechtsrat in Karlsruhe, galt seit Mitte Oktober als ermisst und wurde am 16. Oktober 1917 für tot erklärt. Als Bürgermeister folgte ihm am 25. Oktober der Mannheimer Rechtsrat Dr. Otto Möricke.

Insgesamt nahm der Erste Weltkrieg 463 Speyerern das Leben. Darunter auch das des 32-jährigen Familienvaters Friedrich Franck. Der Kanonier fiel am 2. März 1916 bei Verdun. Im Nachlass seiner Witwe fand sich ein bemerkenswerter Schriftwechsel.

In seinem ersten Schreiben am 3. März 1916 teilte Wachtmeister Gros von der sechsten Batterie des zwölften bayerischen Feld-Artillerie-Regiments der 29-jährigen Mutter einer Tochter (7) und eines Sohnes (5) den Tod des Ehemanns und Vaters mit. In seinem zweiten Brief vom 20. März 1916 bedankte er sich für das Antwortschreiben der Witwe und kündigte an, dass er ihr den ausstehende Sold des Gefallenen in Höhe von 5,60 Mark “am 21. des Monats schicken wird“.

Der außer seinem Nachnamen unbekannt gebliebene Briefschreiber teilte auch mit: „Fritz bekam bei einer Leitungspatrouille einen Granatsplitter direkt ins Herz und war sofort tot, sein Kamerad wurde verwundet“. Das habe sich bei Pareid ereignet, einem Dorf zwischen Metz und Verdun. “Fritz ist dort allein in einem Grab auf dem Friedhof beerdigt” schrieb der Wachtmeister weiter. Wohl dem im Antwortschreiben geäußerten Wunsch der Witwe entsprechend, versprach er in seinem zweiten Brief, „ihm einen Grabstein machen zu lassen, wenn es die Verhältnisse erlauben“.

Seinen zweiten Brief schloss der Batterie-Wachmeister wie folgt: „Hatten inzwischen schon wieder Verluste, zwei Tote und zwei Verwundete. Heute ist wieder einer gefallen, ist gestern erst aus der Garnison gekommen. So stirbt einer nach dem anderen. Ist aber nichts daran zu ändern. Wollte Gott, dass dieses Elend doch bald ein Ende bekäme“.

Das aber kam erst zwei Jahre später. Die „Hölle von Verdun“ sollte insgesamt fast 380 000 Tote, Vermisste und Verwundete fordern.

Gedenkstätte Antikenhalle

Wenige Wochen nach dem Beginn der Auseinandersetzungen mit Frankreich bekam Speyer hohen Besuch. Bayerns König Ludwig III eilte in seine pfälzische Kreishauptstadt. Es galt, Mitgefühl mit den Kriegsverwundeten zu zeigen, von denen die ersten am 20. August angekommen waren und die der “Kini” am 14. September aufsuchte.

Berichtet wird von 1800 verletzten Soldaten, die mit den ersten Transporten in Speyer eintrafen. Von ihnen starben vermutlich nicht wenige; sie wurden überwiegend auf dem neuen Friedhof beigesetzt.

Gedacht wird der Opfer des 1. Weltkriegs in Speyer nahe des Doms. “Den Toten des Königlich bayerischen zweiten Pionierbataillons” steht – militärisch abgekürzt – über dem Portal der Antikenhalle. In deren Innern ist auf einen großen 1914/18-Stein gemeißelt “Es fielen fürs Vaterland 48 Offiziere, 1742 Unteroffiziere und Pioniere”. Deren Namen stehen, von außen schlecht einzusehen, auf Wandplatten links und rechts davon. Gedacht wird in der Antikenhalle auch der Opfer des folgenden Kriegs 1939 – 1945. Ihre Anzahl und ihre Namen sind nicht erwähnt.

Die Gedenkstätte Antikenhalle war nicht also solche gedacht gewesen. 1826 forcierte Regierungspräsident Joseph von Stichaner die Erichtung des klassizistischen Gebäudes an der Nordseite des Doms, um darin in Speyer und in anderen Teilen der Pfalz geborgene Stücke aus der Römerzeit ausstellen zu können. 1930 wurde die Halle, einer der Vorläufer des 1910 eingeweihten Historischen Museums der Pfalz, zum Ehrenmal für Kriegstote. Die Speyerer nannten es etwas respektlos “Kanonenhalle”, weil dort auch im Krieg 1870/71 erbeutete Geschütze aufgestellt waren.

In Speyer wurden Verwundete des 1. Weltkriegs wurden außer im Garnisonslazarett in zwölf Einrichtungen versorgt. In Privathäusern der Stadt und den umliegenden Dörfern, aber auch in den städtischen Schulen. Die waren im Sommer 1914 wegen der großen Ferien frei. Da sich aber die Belegung der Schul- und Privathauslazarette hinzog, dauert es einige Zeit, bis der Schulunterricht wieder aufgenommen werden konnte.

Der 1. Weltkrieg hinterließ in Speyer neben persönlichem Leid und materiellen Einschränkungen auch andere Spuren. In der Nacht vom 21. zum 22. Juli 1918 erleichterte sich ein Flugzeug um insgesamt acht Bomben, die vermutlich für die BASF in Ludwigshafen vorgesehen waren, aber wegen starken Abwehrfeuers dort nicht abgeworfen wurden.

Die Bomben fielen in den Garten der Güterabfertigung des Bahnhofs und auf dessen Geleise, in den Hirschgraben (Schaden an einem Wohnhaus, beschädigten durch Splitter das Jahn-Denkmal am heutigen Adenauerpark, gingen im Hof der Sonnenbrauerei nieder und beschädigten dort ein Ecksgebäude und fielen in einen Acker am Wasserturm. - Wolfgang Kauer (Die Rheinpfalz) 2014

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